Mai 2025
VESO Perspektiven: Zehn Jahre bist du nun Geschäftsleiter beim VESO. Wie hast du den Einstieg damals erlebt?
Diego Farrér (DF): Ich brachte bereits fast 20 Jahre Erfahrung als Geschäftsleiter von Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen mit. Neu war für mich die Ausrichtung auf Menschen mit psychischen Behinderungen – eine Zielgruppe, die besondere Herausforderungen mit sich bringt. Psychische Probleme äussern sich ganz unterschiedlich, sind in der Regel nicht sicht- und weniger vorhersehbar. Manche betroffenen Personen sind in guten Phasen voll arbeitsfähig, während sie in Krisen auch einfache Arbeiten nicht mehr ausführen können. Das erfordert von den Fachpersonen eine grosse Anpassungsfähigkeit und auf institutioneller Ebene vielseitige Angebote.
VESO Perspektiven: Der VESO bietet u.a. Dienstleistungen in den Bereichen Möbelverkauf, Gartenbau, Reinigung und Hauswartung an. Die Kundschaft möchte sicher, dass die Arbeit termingerecht erledigt wird. Wie gelingt euch das?
DF: Unsere Fachmitarbeitenden und Leitungen müssen stets den Spagat zwischen den Bedürfnissen unserer Klientinnen und Klienten und jenen der Kundschaft schaffen. Bei uns kauft niemand ein Möbelstück aus Mitleid. Auch wenn eine Liegenschaft gereinigt oder ein neuer Garten angelegt werden soll, zählen die Qualität und das Preis-Leistungs-Verhältnis. Wenn Auftraggebende dann auch noch Inklusion verwirklichen können, ist das natürlich das Tüpfelchen auf dem i. Durch die Orientierung am ersten Arbeitsmarkt erfahren unsere Klientinnen und Klienten unmittelbar, dass ihre Arbeit wichtig ist.
VESO Perspektiven: Wie hat sich der VESO in den letzten zehn Jahren entwickelt?
DF: Als ich angefangen habe, gab es eine ausgeprägte Eigenständigkeit der Abteilungen. Sie bezeichneten sich als Institutionen und hatten ihre eigenen Logos – insgesamt acht verschiedene. Die Abteilungen funktionierten für sich alleine gut, aber der VESO als Gesamtinstitution war weder nach innen noch nach aussen richtig spürbar. Ich bin stolz, dass wir unter dem Motto «Gemeinsam. Weiterkommen.» eine gemeinsame Kultur und Identität aufbauen konnten, die uns heute verbindet. Wir sind unter dem gelben, frischen und modernen VESO-Logo zu einem grossen Ganzen zusammengewachsen.
VESO Perspektiven: Das war sicher kein einfacher Prozess, der auch Konfliktpotenzial barg. Wie hast du ihn erlebt?
DF: Es war ein ziemlicher «Hosenlupf»: Alle Beteiligten hatten viel in die bisherigen Strukturen investiert und gute Arbeit geleistet. Bei solchen Wandlungsprozessen geht es darum, Bestehendes loszulassen, um Neues zu ermöglichen, ohne das Bisherige automatisch schlecht zu finden. Für mich war es grossartig zu erleben, wie diese Weiterentwicklungen von allen Seiten ganz stark mitgetragen und vorangetrieben worden sind. Stolz bin ich auch auf die Einführung der «Du-Kultur» mit den Klientinnen und Klienten. Wir begegnen uns alle auf Augenhöhe und das finde ich auch wichtig, denn alle tragen ihren Teil zum Erfolg des VESO bei.
Natürlich führen solche Veränderungsprozesse auch zu Reibungen und das ist eigentlich ziemlich gut. Konflikte auszutragen, ist wie das Reiben eines Streichholzes: Es erzeugt Wärme, und wenn man es richtig anstellt, geht ein Licht auf. Es kommen unterschiedliche Ideen und Meinungen zusammen und es müssen kreative Lösungen gefunden werden. Das fördert Innovation. Die Voraussetzung ist, dass der Dialog respektvoll bleibt. Der kontinuierliche Austausch und das Bemühen um gemeinsame Lösungen sind zu einem festen Bestandteil unserer Kultur geworden.
VESO Perspektiven: Ist man als Geschäftsleiter also eine eierlegende Wollmilchsau?
DF: Schön wärs! Es gehört zu meiner Arbeitsrealität, dass ich nicht alle Erwartungen stets vollends erfüllen kann oder auch will. Wir haben in den letzten Jahren viel in die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für unsere Fachmitarbeitenden investiert. Der Fachkräftemangel ist auch für uns eine Herausforderung. Diese Entwicklung sollte jedoch nicht dazu führen, dass wir uns als Betriebe im Sozialbereich kannibalisieren; das ist nicht nachhaltig. Auch hier geht es darum, eine Balance zwischen den Bedürfnissen der Fachmitarbeitenden und den institutionellen Anforderungen zu finden. Blicken wir in die letzten zehn Jahre zurück, dann sehen wir, wie weit wir schon gekommen sind.
VESO Perspektiven: Der VESO ist mit der Übernahme von Hardundgut in Embrach und weiteren neuen Angeboten stark gewachsen. Der Umsatz hat sich seit deinem Stellenantritt von rund 6 Millionen Franken im Jahr 2014 auf 13,6 Millionen Franken mehr als verdoppelt. Was sind für dich die grössten Meilensteine der letzten Jahre?
DF: Neben dem Neuauftritt und der Übernahme von Hardundgut freue ich mich über neue Angebote, wie unsere Wohngemeinschaft und Tagesstruktur für ältere Menschen (WG und TS Gutschick), oder den Aufbau unserer Arbeitsintegration. Unsere Partnerschaft mit USM Haller und die Erweiterung des Möbelverkaufs sind ebenfalls Highlights. Ein Herzensprojekt ist VESO Radio Schrägformat.
Am meisten berühren mich die unzähligen alltäglichen und zwischenmenschlichen Begegnungen. Die Momente, in denen ich das Engagement unserer Fachmitarbeitenden oder die Fortschritte unserer Klientinnen und Klienten sehe, sind für mich die wahren Highlights. Diese Augenblicke des Verständnisses und Respekts machen den Unterschied.
VESO Perspektiven: Wie geht der VESO mit den aktuellen Herausforderungen um und wie kann er den Wandel mitgestalten?
DF: Die grössten Herausforderungen sehen wir in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Inklusion. Wir möchten in der Zukunft nicht nur Dienstleistungen anbieten, sondern einen kulturellen Wandel anstossen, der Inklusion in den Alltag integriert.
Als Institution müssen wir agiler und flexibler werden. Neue Möglichkeiten und Lernfelder eröffnen sich konkret durch das eingeführte Selbstbestimmungsgesetz. Wir werden neu aufsuchend arbeiten, das heisst, wir möchten die Menschen in ihrem Zuhause unterstützen. Ebenso möchten wir unsere Wohnangebote ausbauen und neue Wohnformen wie Cluster-Wohnen etablieren.
Entwicklung heisst, auch loslassen zu können: Ich bin sehr dankbar, dass wir die Finanzierung für das Mutter-Kind-Haus, das zeitweise von einer Schliessung bedroht war, längerfristig sichern konnten und es jetzt gut aufgestellt an die Stiftung OKey weitergeben können.
VESO Perspektiven: Gibt es etwas, das du noch erwähnen möchtest?
DF: Ich möchte mich bei allen bedanken, die den VESO zu dem gemacht haben, was er heute ist. Ohne dieses grossartige Team wäre all das nicht möglich gewesen. Unsere etablierte Kultur des Lernens und der Zusammenarbeit bleibt der Schlüssel zu unserem weiteren Erfolg – gemeinsam kommen wir weiter.