Mai 2026
«Die Sozialwoche soll den Lernenden die Augen dafür öffnen, welche Lebensrealitäten es um sie herum gibt,» sagt Selina Schaub, Ausbilderin Logistik und Unterhalt im Bereich Berufsbildung Deutschschweiz der Schweizerischen Post AG. «Sie erfahren, wie wichtig gesellschaftliches und soziales Engagement ist.» Die Post arbeitet mit unterschiedlichen Einsatzbetrieben zusammen.
Dazu gehören wichtige gesellschaftliche Akteure wie das Museum Ballenberg, wo die Lernenden das Museumsgelände für die neue Saison vorbereiten. Oder die Stadt Aarau, wo die Lernenden für den Maienzug im Juli Tische und Bänke aufbauen und die Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Altersheim an den Anlass begleiten. Wichtige Arbeitseinsätze finden zudem in sozialen Institutionen wie dem VESO statt, einer etablierten Einrichtung für Sozialpsychiatrie in der Region Winterthur.
Im Team Neues lernen
Der VESO gehört seit über 10 Jahren zu den Programmpartnern. Während vier Wochen arbeiten je vier Jugendliche in der VESO Werkstatt. Die angehenden Pöstlerinnen und Pöstler werden von einer Gruppenleiterin oder einem Gruppenleiter unter die Fittiche genommen. Dann heisst es Ärmel hochkrempeln beim Falten und Kleben von Schachteln, Verpacken von Teilprodukten oder Besticken von Textilien. Arbeiten, die für die Lernenden ungewohnt sind. Neu ist auch das strukturierte Arbeiten im Team innerhalb eines vorgegebenem Zeitrahmens. Denn bei der Zustellung sind die angehenden Logistikerinnen und Logistiker auf sich allein gestellt und können ihre Arbeitszeit flexibel gestalten. Es gibt wenig Kontaktmöglichkeiten zu anderen Mitarbeitenden der Post.
Voneinander lernen
Das Miteinander am Arbeitsplatz erleichtert es den Jugendlichen, mit den Klientinnen und Klienten ins Gespräch zu kommen. Wobei es zunächst auch Mut braucht auf Menschen zuzugehen, die sich in einer anderen Lebenssituation befinden als man selbst. Da hilft es, dass die Lernenden für ihren Abschlussbericht Interviewpartnerinnen und -partner suchen müssen. Die Interviewten freuen sich, über ihre Arbeit und sich selbst berichten zu können. So entsteht ein Austausch, von dem alle Beteiligten profitieren. «Die Erfahrungen der Sozialwoche im Abschlussbericht zu reflektieren, soll für die Lernenden eine nachhaltige Wirkung haben», betont Selina Schaub. «Der Seitenwechsel ist ein Gewinn für alle Beteiligten», ist auch Matthias Sönnichsen, Leiter Arbeit beim VESO, überzeugt. Und man freue sich bereits, wenn es im nächsten Jahr im VESO wieder heisst: Da geht die Post ab.
«Man muss schon mehr auf die Leute schauen, die Kollegen, Familie, Mitarbeitenden. Man muss sich bewusst werden, dass es nicht jedem immer 100% gut geht. Da braucht es einen Reality-Check. Es geht darum, die Menschen besser zu verstehen», meint Ali (Porträtfoto links).
«Ich konnte mit vielen Leuten in der Werkstatt reden, das fand ich sehr schön. Die meisten haben auch offen gesagt, was sie haben. Sie haben sich nicht geschämt. Ich finde, alle Menschen sind genau gleich. Man sollte normal mit ihnen umgehen», findet Haniya (Porträtfoto links).
«Durch die Arbeit beim VESO haben die Mitarbeitenden Abwechslung und soziale Kontakte. Das ist besser, als zuhause alleine zu sein, wenn jemand aufgrund einer Beeinträchtigung nicht einer geregelten Arbeit nachgehen kann. Ich finde es super, dass die Menschen beim VESO diese Chance bekommen», sagt Jean-Luc (jeweils rechts im Bild).