Juli 2026

Gemeinsam durch den WG-Alltag navigieren

Wie gelingt Selbstbestimmung im betreuten Wohnen konkret? Die VESO Wohngemeinschaft Im Lind zeigt, wie junge Erwachsene mit psychischen Beeinträchtigungen ihren Alltag eigenverantwortlich gestalten. VESO Perspektiven durfte in die Wohngemeinschaft reinschnuppern.

Als Spencer im Juli 2025 zum Bewerbungsgespräch in die WG Im Lind kam, war er nervös. «Kann ich die WG-Standards einhalten? Werde ich den Anforderungen gerecht?» Heute, einige Monate später, hat er sich gut eingelebt und seinen Platz in der Wohngemeinschaft gefunden. Im Vergleich zur Klinik geniesst Spencer deutlich mehr Freiheiten. Er kann seinen Tagesablauf selbst gestalten und Termine wahrnehmen, ohne sich an- und abmelden zu müssen. Gleichzeitig gibt es Regeln, an die er sich gewöhnen musste, etwa die Verpflichtung, regelmässig am gemeinsamen Abendessen teilzunehmen. «Das hat mir anfangs Sorgen bereitet, weil ich beim Essen sehr heikel bin.» Inzwischen hat er sich daran gewöhnt und erlebt, dass auf seine Bedürfnisse Rücksicht genommen wird. Er schätzt die gemeinsamen Erlebnisse in der Wohngemeinschaft. «Einmal wollte ich mir die Haare färben. Spontan haben sich noch weitere Bewohnende angeschlossen. So verbrachten wir drei Stunden im Bad.»

Mehr Freiheit dank verbindlicher Strukturen

Das Zusammenleben birgt aber auch Herausforderungen: Individuelle Bedürfnisse müssen mit denjenigen der Wohngemeinschaft und institutionellen Regeln in Einklang gebracht werden. Für Spencer stimmt diese Balance. «Die vorgegebenen Strukturen sorgen dafür, dass ich nicht komplett versumpfe, während ich trotzdem genug Freiheiten habe. Ich kann problemlos um zwei Uhr morgens ins Bett gehen – merke dann aber selbst, dass das langfristig nicht sinnvoll ist, wenn ich am nächsten Tag arbeiten muss.»

Selbstbestimmung bedeutet für ihn, Dinge selbst auszuprobieren, Verantwortung zu übernehmen und bei Bedarf Unterstützung einzufordern. Die WG Im Lind bietet ihm diese Spielräume. Sie sind das Ergebnis einer klaren pädagogischen Haltung des Betreuungsteams.

Dieses besteht aus einem interdisziplinären Team mit vier Fachpersonen. «Wir verstehen uns als begleitender Rahmen», erklärt Dr. phil. Oliver Kaftan. Er leitet die Wohngemeinschaft seit 2021. Ziel sei es, die jungen Erwachsenen zu befähigen, eigene Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. «Leitend ist für uns der Grundsatz: so viel Freiheit wie möglich, so viel Unterstützung wie nötig.»

 

«In der WG Im Lind habe ich die Wahl, auch einmal den Versuch zu unternehmen, eine Herausforderung selbst zu meistern, und zwar mit dem Risiko zu scheitern. Mir ist wichtig, dass ich selbst darüber bestimmen kann, wie eng mein Auffangnetz ist, das schätze ich sehr.» Spencer, WG-Bewohner

Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) und der Einführung des Selbstbestimmungsgesetzes im Kanton Zürich wurde der Fokus auf Wahlfreiheit, individualisierte Ziele und die Akzeptanz persönlicher Entscheidungen weiter gestärkt. So nutzt das Betreuungsteam den UN-BRK-Navigator. Dabei handelt es sich um ein Hilfsmittel, mit dem eigene Haltungen, Kenntnisse und Fähigkeiten reflektiert werden können.

Zur Anwendung kam er beispielsweise in Bezug auf die jährlich stattfindenden WG-Ferien. «Früher waren diese verpflichtend. Wer nicht mitgekommen ist, musste für die Zeit ausserhalb der Wohngemeinschaft unterkommen. Diese Haltung ist nicht mehr zeitgemäss. Sie geht davon aus, dass alle Menschen Ferien als etwas Positives empfinden. Gerade für Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung können solche Ortswechsel aber auch belastend sein.» 

Deshalb ist das Angebot heute freiwillig. Die WG-Ferien sind für Oliver Kaftan ein gutes Beispiel für die Wirksamkeit des UN-BRK-Navigators in der Praxis. «Es geht darum, fachliche Überzeugungen und Traditionen zu hinterfragen, die mit besten Absichten gelebt wurden, und sie auch loszulassen.»

 

«Den grössten Balanceakt erlebe ich dort, wo individuelle Freiheit unmittelbar auf das Zusammenleben und auf Schutzaufträge trifft. Hier geht es darum, dass wir nicht vorschnell regulieren, sondern Bedürfnisse aushandeln, Regeln transparent begründen und die Verantwortung, sofern tragbar, der Gruppe übergeben, selbst wenn das manchmal Spannungen erzeugt.» Dr. phil. Oliver Kaftan, Leiter Wohngemeinschaft Im Lind

Der Spagat zwischen Freiheit und Gemeinschaft 

Im Alltag zeigt sich die Eigenverantwortung in vielen kleinen Momenten: bei der Tagesgestaltung, bei Arbeit und Ausbildung, beim Kochen oder bei sozialen Kontakten. Gleichzeitig gibt es klare Grenzen – etwa durch Hausregeln, gesetzliche Vorgaben oder Sicherheitsaspekte: «Bei Selbst- oder Fremdgefährdung greifen wir ein, denn wir haben eine Fürsorgepflicht», erklärt Oliver Kaftan. 

Zum Leben in der Wohngemeinschaft gehören auch Konflikte. Meistens geht es um die Ordnung in der WG oder nicht eingehaltene Verbindlichkeiten bei den Ämtchen. Solche Themen werden situativ oder in den gemeinsamen Wohngruppensitzungen angesprochen, von den Betreuenden moderiert und gemeinsam bearbeitet. Ziel ist es, die individuelle Selbstbestimmung zu respektieren, ohne das Zusammenleben zu gefährden. Besprochen wurde auch die Frage, ob die Abendessenregelung reduziert werden soll. Spencer hat dabei gegen eine Reduktion votiert. «Zugegeben, mich gurkt es zwar manchmal an, um 19 Uhr in der WG sein zu müssen, dennoch finde ich das gemeinsame Essen wichtig. Sonst würden wir eher wie ein Hostel funktionieren, in dem alle für sich allein in den Zimmern hocken. Das ist nicht der Sinn einer Wohngemeinschaft.»

Selbstbestimmung als Prozess

Oliver Kaftan ist überzeugt: Wenn Selbstbestimmung gelingt, profitieren alle. «Die Bewohnenden gewinnen Selbstvertrauen und Handlungskompetenz und die Wohngemeinschaft wird von Offenheit und Verantwortung geprägt.» Selbstbestimmung ist dabei kein Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess, der im WG-Alltag täglich neu ausgehandelt wird.

UN-BRK-Navigator: 

Die agogische Arbeit mit der UN Behindertenrechtskonvention (UN-BRK)

Der UN-BRK-Navigator veranschaulicht, welche spezifischen Haltungen, Kenntnisse und Fähigkeiten es bei Fachpersonen braucht, um in den zentralen fünf Dimensionen der UNBRK kompetent tätig zu sein. Der UN-BRK-Navigator ist somit Impulsgeber und Orientierungshilfe für die Auseinandersetzung mit der UN-BRK. Die UN-BRK wurde 2006 von der UNO verabschiedet. 2014 wurde sie auch in der Schweiz in Kraft gesetzt.

Der UN-BRK-Navigator wurde von Johannes Schmuck entwickelt. Weitere Informationen: Webseite von Johannes Schmuck