Landbote, 24. Juni 2026

Kater Lino stupst Kristina miauend an. Die 31-Jährige lächelt. Viel Bewegung gibt es in ihrem Alltag nicht. Kristina leidet an einer schweren Form von Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom, kurz ME/CFS. Seit einer starken Verschlechterung der Krankheit im Jahr 2022 spielt sich ihr Leben fast rund um die Uhr Zuhause ab. Ihre Berufstätigkeit als Ergotherapeutin musste sie aufgeben. Umso wichtiger sind für sie die Besuche der VESO-Fachmitarbeiterin.
Bewegungsradius wächst – auch mental
Seit Anfang 2024 bietet der Kanton Zürich mit SEBE neu ambulante Unterstützungsleistungen für Menschen mit Beeinträchtigung an, die eine IV-Rente beziehen. Der VESO gehört zu den offiziellen Anbietern der sogenannten Aufsuchenden Betreuung. Über SEBE erhält Kristina zwei Stunden Unterstützung mit dem Schwerpunkt Gesundheit und Selbstfürsorge pro Woche vom VESO. «Obwohl ich von anderen völlig abhängig bin, fühle ich mich durch SEBE unabhängiger. Denn ich kann selbstbestimmt entscheiden, wer mich betreut und wofür ich Unterstützung möchte.» Der VESO habe sie überzeugt. «Mir ist wichtig, dass diese Begleitung institutionell abgestützt ist und von einer Person erbracht wird, die sich mit der Wohn- und Lebenssituation von psychisch beeinträchtigen Menschen auskennt», sagt Kristina. Denn aufgrund der starken Belastungen durch ME/CFS und der damit einhergehenden chronischen Schmerzstörung hat sie mit depressiven Episoden zu kämpfen.

«Seitdem die VESO-Betreuerin Astrid abends für mich da ist, fühle ich mich psychisch stabiler», sagt Kristina. Die Chemie zwischen den beiden habe ab dem ersten Moment gestimmt. Wenn sie etwas beschäftige, bespräche sie es mit Astrid. Die Termine geben Kristina eine Tagesstruktur. Sie plant ihren Tag rund um das Treffen, freut sich auf die Abwechslung. «Wenn ich weiss, dass Astrid vorbeikommt oder wir telefonieren, ist der Tag nicht mehr so leer, langweilig und eintönig.» Je nach Kristinas Tagesform dauert der Termin zwischen zehn Minuten und einer Stunde.
Astrid bringt frischen Wind in Kristinas Alltag und gibt ihr kleine, praktische Tipps. Wie zum Beispiel die Idee, ein Keilkissen für den elektrischen Rollstuhl zu nutzen. Dank des Keilkissens kann Kristina bequemer sitzen und fühlt sich sicherer mit dem Rollstuhl, für den sie sich jüngst ein Zuggerät angeschafft hat. Die beiden Frauen waren auch schon draussen unterwegs. «Das ist an guten Tagen für vielleicht zehn bis zwanzig Minuten möglich.»
Von Katzen und Menschen
Kristina wirkt aufgestellt. Man sieht der zierlichen Frau ihre Beschwerden nicht an. «Ich habe gerade eine, den Umständen entsprechend gute Phase», sagt sie schmunzelnd, während Kater Lino schnurrend in ihrem Schoss Platz nimmt. «Durch die Unterstützung von Astrid habe ich Vertrauen gewonnen, dass ich meinen Alltag besser schaffe. Die Vorstellung, sogar ganz auf externe Unterstützung zu setzen, wenn ich das wollte oder es meiner Mutter mal nicht gut ginge, ist befreiend.»
Denn vor SEBE hatte sich ihre Mutter um alles gekümmert und dafür ihr Arbeitspensum um 20 Prozent reduziert. Eine andere Bezugsperson zu haben, würde somit auch ihr schlechtes Gewissen gegenüber der Mutter beruhigen, obwohl diese ihr gerne helfe. «Jetzt erhält meine Mutter eine kleine Entschädigung, weil ein Teil ihrer Hilfe über SEBE läuft.» Die Entschädigung wird über die zehneinhalb Stunden SEBE-Unterstützung abgegolten, die zwei Privatpersonen für Kristina erbringen. Dazu gehört zum Beispiel im Beisein von Kristina im Haushalt zu helfen oder Essen zuzubereiten. Durch diese Unterstützung und allgemein durch die Besuche entstehen wertvolle soziale Kontakte, sodass Kristina sich zuhause weniger isoliert fühlt.
Und ja, auch Kater Lino und Katze Blanka, die sich scheu in das Nebenzimmer verzogen hat, spielen eine wichtige Rolle in Kristinas Leben. «Meine Familie kennt mich in und auswendig. Ich erlebe ja nicht viel Neues, worüber ich mit ihnen reden könnte. Aber vom Katzenalltag erzähle ich alles Mögliche», sagt sie und streichelt Lino sanft über den Kopf.

Höhere Lebensqualität trotz ME/CFS
Das heimtückische an ME/CFS ist, dass kleinste körperliche, kognitive oder emotionale Belastungen zu einer massiven Zustandsverschlechterung führen. Auslöser dafür können zum Beispiel ein längeres Gespräch sein oder duschen.
Daher ist das sogenannte Pacing sehr wichtig, bei dem Kristina bewusst mit ihrer Energie umgeht, Pausen einbaut und vermeidet ihre Grenzen zu überschreiten. Dabei helfen ihr Kopfhörer oder eine Schlafmaske, um Reize abzuschirmen.
Für die Menschen um sie herum ist ME/CFS nicht wirklich greifbar. «Man sieht ja nicht, was mich zum Beispiel dieses Interview kostet», erklärt Kristina. Dem Gespräch ging ein langes Pacing voraus. Den Rest des Tages wird sie ebenfalls mit Ausruhen und Aushalten der Symptome verbringen, die durch das Interview verstärkt auftreten werden.
«ME/CFS ist wenig bekannt, denn Betroffene kommen in der Öffentlichkeit kaum vor. Je nach Schweregrad ist gesellschaftliche Teilhabe kaum möglich.» Es handelt sich um eine neuroimmunologische Krankheit, die meist durch einen viralen Infekt, wie zum Beispiel durch das Pfeiffersche Drüsenfieber oder Covid ausgelöst wird. Die Lebensqualität von Menschen mit der Diagnose ME/CFS gehört zu den tiefsten aller Krankheiten überhaupt. «Meine Lebensqualität ist heute besser. Jedes bisschen mehr ist bei ME/CFS so wertvoll», sagt sie dankbar. Und sie würde sich wünschen, dass auch andere Betroffene eine IV-Rente erhielten, eine der Voraussetzungen, um im Kanton Zürich von SEBE zu profitieren. Kristina hätte übrigens acht SEBE-Stunden pro Jahr des Voucher-Typs Freizeit zugute. «Vielleicht werde ich noch so stabil, dass ich diese Stunden irgendwann einmal werde nutzen können.» Das ist ihre Hoffnung.

Selbstständig und selbstbestimmt leben
Der VESO ist offizieller Anbieter für die ambulante SEBE-Begleitung im Kanton Zürich. Mit dem Angebot «Aufsuchende Betreuung» spricht der VESO Menschen mit psychischer Beeinträchtigung ab 18 Jahren an, die in der eigenen Wohnung leben.
Die aufgesuchten Menschen bewältigen ihren Alltag selbstständig, unterstützt durch eine professionelle Betreuung, und behalten so ihr persönliches Umfeld bei. Dabei werden neben der Selbstbestimmung auch die Eigenverantwortung, Autonomie und Teilhabe gefördert. Die Abhängigkeit von der Fachperson wird dabei so tief wie möglich gehalten.
Neue Wege in der Betreuung
Das SEBE-System wurde im Zuge des Selbstbestimmungsgesetzes gestartet, das im Kanton Zürich seit Januar 2024 gilt. Die ambulante Begleitung und Betreuung von Menschen mit psychischer Beeinträchtigung markiert einen Systemwechsel. Mit SEBE haben Betroffene jetzt die Wahl, ob sie zu Hause oder in einer Institution begleitet oder betreut werden möchten.
«Für den VESO stand ausser Frage, dass wir die Pionierphase von SEBE gleich mitgestalten wollten,» sagt Diego Farrér, VESO Geschäftsleiter. «Es gehört zu unserem institutionellen Selbstverständnis, Menschen mit Beeinträchtigung grösstmögliche Selbstständigkeit und Selbstbestimmung zu ermöglichen und ihnen die Wahlfreiheit zu geben, ob sie innerhalb einer Institution oder ausserhalb Unterstützung erhalten.»
SEBE-Leistungen werden über Voucher bezogen, die das kantonale Sozialamt herausgibt. Grundsätzlich gilt, dass Betroffene entweder über eine IV-Rente, eine Hilflosenentschädigung oder Renten der Unfall- oder Militärversicherung verfügen müssen. Die Abklärungsstellen im Kanton sind für die Prüfung zuständig, inwieweit eine Person Leistungen solcher Voucher in Anspruch nehmen darf.
c/o VESO Wohngemeinschaft Gutschick
Sportparkweg 6
8400 Winterthur
052 234 80 60
aufsuchende-betreuung@veso.ch
Zur Webseite Aufsuchende Betreuung

Die 2019 gegründete Schweizerische Gesellschaft für ME & CFS ist ein gemeinnütziger Verein, der die Anliegen von Menschen mit der neuroimmunologischen Krankheit Myalgische Enzephalomyelitis (ME) und von Menschen mit dem Chronischen Fatigue Syndrom (CFS) sowie ihren Angehörigen vertritt. Weitere Informationen